Der Sensenmann: Darstellung des Todes im Lauf der Geschichte

Der Sensenmann: Darstellung des Todes im Lauf der Geschichte

Der Tod ist schon eine merkwürdige Sache. Einerseits ist er so ziemlich das Universalste, das man sich als Menschheit überhaupt vorstellen kann. Der Tod trifft immerhin jeden und macht dabei keinen Unterschied. Ob arm oder reich, beliebt oder verhasst – er ist am Ende der große Gleichmacher. Das ist ja eigentlich ein tröstlicher Gedanke und muss das in der Vergangenheit noch viel mehr gewesen sein, als das Leben der Volksmassen noch viel elender war, als wir uns das heute überhaupt vorstellen können. Trotzdem ist das Thema Tod eines, über das kaum gesprochen wird – heute wie damals. Eine Vorstellung des Todes hat trotzdem jeder und in der westlichen Welt hat dieser Tod sogar ein Gesicht! Wir nennen ihn den Sensenmann, das in schwarz gekleidete Skelett mit der Sense in der Hand, das uns am Ende unserer Tage abholen kommt.

Dieser Knochenmann hat viele Namen, die ihm im Lauf der Geschichte zugeschrieben worden. Im Deutschen kannten ihn die Menschen schon recht früh unter seinem heute noch gebräuchlichsten Namen Sensenmann. Aber auch als Schnitter oder Gevatter Tod war und ist er bekannt. Doch warum Sensenmann? Warum ist gerade das die Vorstellung, die wir mit dem eigentlich doch unsichtbaren Tod verbinden? Was ist die Bedeutung dahinter und ganz wichtig: Seit wann gibt es die Darstellung des Todes als Sensenmann? Immerhin soll es hier auf diesem Blog ja um die Geschichte gehen … Also tauchen wir doch mal ein!

Darstellungen des Todes in der antiken Mythologie

Eine Sache ist erstmal ganz bedeutend, wenn wir über die Darstellung des Todes in der Geschichte sprechen: Der Tod ist nicht tatsächlich darstellbar. Er ist doch nur ein Konzept, kein greifbares Etwas. Eine Leiche auf der Straße ist schließlich nicht „der Tod“, sie ist nur die Konsequenz davon. Da wir Menschen aber furchtbar schlecht darin sind, uns ein nicht greifbares Konzept vorzustellen, haben wir schon früh damit begonnen, uns solche Dinge eben anders vorzustellen. Wir personalisieren sie. Auch andere Konzepte sind uns heute in einer solchen personalisierten Form bekannt. Man denke etwa an die Liebe und den Pfeil des Amor, der sie uns bringen soll. Denn wie könnte so etwas Unerklärbares wie die Liebe auch existieren, wenn nicht irgendein greifbares Wesen etwas damit zu tun hätte! Beim Tod war das schon seit frühester Zeit ganz ähnlich. Die allermeisten menschlichen Kulturen entwickelten irgendwann Totengötter, auf die sie das Konzept des Todes übertragen konnten, um es begreifbar zu machen.

Unter diesen Totengöttern sind wohl auch die frühesten Vorgänger des Sensenmannes von heute zu suchen. Mithilfe dieser Götter gaben wir dem Ende unserer Tage schließlich zum ersten Mal ein mehr oder weniger menschliches Gesicht. Aber nicht jeder Totengott war dabei gleich geschaffen. Ein solcher Gott kann ja schließlich ziemlich unterschiedliche Aufgaben haben. Oft herrschte er in der antiken Mythologie über eine Art Unterwelt. So war es zum Beispiel im alten Griechenland im Fall des Hades und auch seines römischen Nachfolgers (manche würden sagen: seines römischen Plagiats) Pluto. Ähnliche Vorstellungen gab es aber auch in ganz anderen Kulturen zu ganz anderen Zeiten, etwa bei den alten Ägyptern oder später noch bei den Azteken.

Daneben gibt es aber noch eine andere Funktion, die von einer Art Totengott übernommen werden. Sie stellen den Übergang der Sterbenden in die Unterwelt sicher. Im griechischen Beispiel war das die Aufgabe des Gottes Thanatos (übrigens der Bruder des Gottes des Schlafes Hypnos), in Rom wurde aus der griechischen Idee der Gott Mors. Diese Götter wurden somit als irgendwo dazwischen betrachtet, also zwischen der Welt der Lebenden und der Toten. Damit waren sie viel realer und näher an den Menschen dran als die Hüter der Unterwelt. Diese Götter symbolisierten den Tod selbst, sie waren zur Stelle, wenn er eintrat. Nicht ohne Grund heißt die römische Variante des Gottes schlicht „Mors“ – der Tod. Genau diese Idee setzt sich auch im Tod von heute fort. Als den Tod bezeichnet man heute ja bekanntlich auch noch jemand anderen: den Sensenmann.

Wie der Sensenmann sein Skelett erhielt

Nicht nur der Name des römischen Gottes Mors erinnert uns an heutige Vorstellungen vom Sensenmann. Auch ein paar andere Ideen, die uns bekannt vorkommen könnten, herrschten schon in der griechisch-römischen Antike vor. So gab es schon damals eine Vorstellung vom sogenannten „Lebensfaden“, der bei Eintritt des Todes durchtrennt wird und die Seele vom Körper entzweit. Zu genau diesem Zweck hat der Sensenmann heute noch seine Sense, zumindest wenn man einer der möglichen Erklärungen folgt. In der Antike war das Werkzeug zwar noch nicht so genau definiert, die Grundidee gab es aber schon. Auch ein paar andere Grundideen finden wir in der Welt von damals wieder. So wurde auch Mors als in schwarz gekleidet beschrieben. Aber gut, schwarz hat in Europa einfach schon sehr lange eine negative Konnotation …

Sein Skelett erhielt der Sensenmann aber erst viel später. Diese Idee war in der Antike noch nicht wirklich vorhanden. In der Offenbarung des Johannes wird in der Bibel zwar vom „Tod“ gesprochen. Gemeint ist damit aber der vierte Reiter der Apokalypse, der auf einem „fahlen Pferd“ erscheinen soll. Da braucht man schon einige Fantasie, darin ein Skelettwesen zu erkennen, was freilich nicht bedeutet, dass spätere Theoretiker es nicht versucht hätten. Die Skelette kamen in der europäischen Mystik und Kunst aber tatsächlich erst im späten Mittelalter auf. Die erste Kunstform, in der im großen Stil Skelette abgebildet wurden, war der sogenannte Totentanz. Diese Abbildungen waren in der Zeit nach der ersten großen Pestwelle, im 15. und 16. Jahrhundert beliebt. Die Darstellung darin war aber nicht unbedingt so schaurig wie der Sensenmann heute. Die Skelette waren, wie der Name Totentanz schon sagt, meist tanzend mit lebenden Menschen abgebildet. Der Tod wurde hier also gewissermaßen ins Leben geholt. Das änderte sich später wieder gründlich. Die Figur des Skeletts als Repräsentation des Todes blieb uns aber erhalten.

Grüß Gott, ich bin der Tod

Der Sensenmann ist in seiner Bedeutung heute aber freilich mehr als nur irgendein dahergelaufenes Skelett! Zu ihm gehören da noch ein paar andere Symbole ganz zentral dazu. Erst mal trägt er da zum Beispiel seine charakteristische schwarze Kutte. Das war ja auch nicht immer so. Die Skelette in den Totentänzen waren meist noch nackt, wenn man das bei einem Skelett so sagen kann. Auch die frühen Darstellungen des Sensenmannes in der Zeit darauf zeigten noch keine Mönchskutte. Er war entweder ebenfalls unbekleidet oder in ein einfaches Leinen gewickelt. Sein heutiger Kleidungsstil ist somit nicht viel älter als 150 Jahre. Das zweite große Erkennungsmerkmal des Sensenmannes, seine Sense, ist im Gegensatz dazu schon länger ein Todessymbol. Das hat wohl mit der Logik der Landwirtschaft zu tun. Immerhin steht ja auch die Landwirtschaft, aus der die Sense stammt, in einer gewissen Form für die Vergänglichkeit. Oder zumindest bedingen sich die beiden gegenseitig. Sogar in der Bibel ist dieser Zusammenhang schon zu finden. „Die Leichen der Leute liegen wie Dünger auf dem Feld, wie Garben hinter dem Schnitter; keiner ist da, der sie sammelt“ ist da etwa in Jeremia zu lesen.

Damit wird der Tod von heute sogar das erste Mal beim Namen erwähnt: der Schnitter, der sensenbewaffnete Arbeiter aus der Landwirtschaft. Von da an war es aber ein weiter Weg. Über die Jahrhunderte kam das Bild des heutigen Sensenmannes erst langsam zusammen. Aus dem Totengott oder Begleiter in den Tod wurde ein Landarbeiter. Das späte Mittelalter und die Pestzeit fügten die Vorstellung des menschlichen Skeletts hinzu, es folgten die Sanduhr und die Kutte und da haben wir ihn, den uns bekannten Gevatter Tod. Und dieses Bild sollte sich als verdammt standfest erweisen. Immerhin ist es inzwischen auch weit über Europa hinaus anzutreffen …

Auch in Lateinamerika herrschen Figuren vor, die dem uns bekannten Grim Reaper ziemlich ähnlich sehen. Auf dem Podcast geht es diese Woche um eine davon, die mexikanische Heiligenfigur Santa Muerte. Gemeinsam mit dem Theologen Fabian, der den großartigen Secta-Podcast betreibt, rede ich über Geschichte, Glaube und Bedeutung dieser Santa Muerte. Und möchtest du nun noch mehr Geschichte? Dann melde dich doch auch für den Déjà-vu Geschichte Newsletter an! Ich würde mich freuen, dich dort begrüßen zu dürfen!

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5 Kommentare

  • […] Wie mit allem, das der Mensch nicht greifen kann, versucht er es greifbar zu machen. Kurz gesagt, er personifiziert. Gleiches geschah auch mit dem Tod und im Laufe der Zeit entwickelte er ein Gesicht. Er wurde (jedenfalls in unserer Kultur) zum Sensemann. Aber wie genau entstand eigentlich unser modernes Bild vom Schnitter mit der Sense? Das erfahrt ihr zum einen hier, zum anderen (inklusive Toten(götter)darstellung in anderen Zivilisationen) hier. […]
  • Eine Darstellung zum Sensenmann und Saturn wird nicht einmal erwähnt. Also sowas! :)
    Im Ernst: Als Gott des Ackerbaus war die Sense, bzw. die Sichel das Attribut Saturns schlechthin und hatte auch noch nicht die negative Konnotation, wie sie es heute hat. Im Gegenteil: Bei dem großen Fest zu Ehren des Saturn, den, Saturnalien, ging es bekanntlich recht fröhlich zu. Als Gott des Ackerbaus war Saturn ja schließlich ein wichtiger Kulturbringer.
    Deutlich negativer wurde Saturn dann in der christlichen Spätantike, bzw. dem anschließenden Mittelalter gesehen- ist ja auch logisch, schließlich war er ja kein Gott mehr, sondern nur noch ein grimmiger Typ mit Sense. So ist es auch kein Wunder, dass Saturn in der (christlich geprägten) Astrologie bis heute nicht gut wegkommt. Er steht zwar noch für die Ordnung und das rechte Maß, allerdings überwiegen seine negativen Eigenschaften: Sorgen Krankheit, harte Arbeit und, z.T. der Tod.
    Auch der dem Saturn geweihte Wochentag (der Satur-day) hatte bei den Christen keinen guten Ruf ( jetzt wird's wieder eschatologisch:) ), ging man doch davon aus, dass die Welt an einem Samstag/Saturday enden würde, um an einem Sonntag, dem ersten Tag der Woche (vor ISO 8601) neu geschaffen zu werden. Merke: Wir kennen zwar weder den Tag, noch die Stunde, aber den Wochentag wissen wir genau...

    Nicht vergessen sollte man auch, dass der Saturntag/Samstag als Karsamstag den Tag markiert, an dem Jesus tot im Grab lag. Während er, laut Evangelien, den Freitag ja noch teilweise erlebte, war er am Folgetag ganz und gar tot. Keine gute PR für Saturn und ein weiterer Grund, weshalb sich seine Gestalt mit der des Todes so eng verwoben hat.


    Btw.: Wenn du Freunde/Bekannte hast, die polnisch können, unterhalte dich mal mit ihnen über das Thema. Der Tod (Śmierć) ist im Polnischen nämlich weiblich. Das führt u.a. dazu, dass er in Kunst und Literatur nicht immer so martialisch dargestellt wird, wie bei uns, sondern mitunter auch eine verführerische, sogar erotische Eigenschaft besitzt. Schau Dir mal das Bild "Śmierć" von Jacka Malczewskiego an. Da wird der Tod als junge Frau (mit Sense!) dargestellt, die einem Alten sanft die Augen zudrückt.
    https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/6/62/Jacek_Malczewski%2C_%C5%9Amier%C4%87.jpg
  • Wie üblich haust du mich von den Socken mit all dem Input! :) Für Saturn und viele, viele andere Sachen war nicht mehr recht Platz. Ich wollte es übersichtlich halten. Deine Erklärung ist jedenfalls super! Habe die Verbindung zum Samstag über Satur-day noch nie wahrgenommen! Bei all dem ist der schlechte Ruf Saturns dann jedenfalls wirklich keine allzu große Überraschung...

    Die polnische Darstellung ist ja mal richtig interessant.. wie es wohl dazu kam. Andererseits hat auch der weibliche Tod einige Merkmale der bei uns üblichen Gestalt erhalten, die Sense, die Andeutung einer Art Robe zumindest in dem Bild in der Kopfbedeckung.
  • Eschatologie ist mein Stichwort, und ich habe eine andere Deutung für den Sensenmann. Prinzipiell stimme ich allem zu, vor allem das mit der weiblichen Darstellung ist interessant, aber ich denke es geht um das tatsächliche Ende der Welt, der Hinweis ist seine Sense.

    In der paganen Kunst- Symbolik steht ist das Schwert für einen Kometen. Unsere Vorfahren beschreiben eine Kometen Erscheinung in form eines Schwerts oder einer gigantischen Feder. Eben weil es so aussieht, auch wenn wir heute nur spekulieren können, werden wir 2029 Sicherheit haben wir sowas in der Realität aussieht.

    Akzeptiert man diese Möglichkeit erkennt man das ein "brennendes Flammenschwert" das Paradies beendet hat und nicht Evas Neugier, so oder so, die exogene Katastrophe wäre passiert. Vor 12.000 Jahren krachte die Erde mit einem KometenStream zusammen und beendete abrupt die Eiszeit, diese faktische, empirische Katastrophe löste das größte Massen aussterben aus der letzten 5 Millionen Jahre, der Mensch hat das überlebt, irgendwie, und die Paradies Geschichte ist die traumatischen Überbleibsel eines realen Events.

    In der Offenbarung (vielleicht mal wichtig anzumerken das ich Atheist bin) wird die Menschheit geerntet mit einer Sichel, die Analogie ist perfekt, den die Hindus beschreiben ebenfalls das unser Zeitalter durch einen Meteor beendet wird.

    Mythologie beinhaltet einen Naturwissenschaftlichen Kern, kennt man die Erdgeschichte der letzen 20.000 Jahren erkennt man Parallelen. Die Wahrscheinlich das unsere Vorfahren das Konzept der zyklischen Naturkatastrophen nur ausgedacht haben, schwindet mit jeder neuen geophysikalischen Entdeckung.

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