Haben sich Menschen im Mittelalter gewaschen?

Haben sich Menschen im Mittelalter gewaschen?

Das Mittelalter ist wohl gleichzeitig die beliebteste und am schlechtesten verstandene Ära der europäischen Geschichte. Einerseits herrscht eine Faszination für das Mittelalter. Die kann man wunderbar in Filmen oder Serien nachvollziehen, oder aber auch in der Beliebtheit von Mittelalterfesten, Rollenspielen und vielem mehr. Viele Menschen wollen auf diesem Weg Kultur und Leben im Mittelalter nachvollziehen und selbst erfahren. Immerhin gilt das Mittelalter als etwas Urtümliches – im besten Sinn des Wortes. Gleichzeitig herrschen über genau dieses Leben damals aber immer noch unendlich viele Vorurteile vor. Ein ganz großes davon: Im Mittelalter haben sich die Leute nicht gewaschen. Woher kommt das und was ist da dran?

Die Bedeutung von Sauberkeit im Mittelalter

Du kennst das Bild wahrscheinlich genauso gut wie ich. In so gut wie jedem Film und jeder Serie über das Mittelalter in Europa sehen wir es auf die ein oder andere Art: Ein Bauer oder Handwerker am Straßenrand, das Gesicht geschwärzt vom Dreck der Jahrzehnte. Wie auch nicht! Er arbeitet schließlich jeden Tag und wäscht sich nie! Diese Version der Geschichte haben wir zu akzeptieren gelernt und fragen uns nur selten: "Warum geht er sich nicht einfach das Gesicht waschen?". Eine denkbar einfache Frage und auch die Antwort wäre einfach: Natürlich tat er das! Selbstverständlich haben sich Leute auch im Mittelalter das Gesicht gewaschen! Die Menschen waren doch nicht blöd. Sie wussten durchaus, dass Sauberkeit wichtig war und bei mangelnder Körperpflege Krankheiten die Folge sein konnten. Sie wussten vielleicht nicht warum, das war aber auch gar nicht so wichtig.

Die Erkenntnis war in den Menschen seit Jahrtausenden gewachsen. Schmutz in Wunden führt zu Infektionen und in vielen Fällen zu Krankheiten. Dasselbe gilt für den Kontakt mit Exkrementen. Man muss Mikrobiologie nicht verstehen, um diese Tatsache zu erkennen. Und nicht ohne Grund haben Menschen über die Zeit eine evolutionäre Abneigung gegen Kot, Urin und Dreck entwickelt. Sauberkeit und halbwegs regelmäßiges Baden, zumindest wann immer es die Möglichkeit gab, waren in den Dörfern und Städten des Mittelalters also durchaus von Bedeutung. Wie genau sah das im Alltag dann aber aus? Wie führte man ein halbwegs sauberes Leben im Mittelalter?

Badehäuser, Latrinen und andere Annehmlichkeiten

Tatsächlich waren die Möglichkeiten gerade im Frühmittelalter und auch noch im Hochmittelalter gar nicht mal so schlecht und beschränkt, wie man oft glaubt. In weiten Teilen Europas gab es sogar ziemlich gute Infrastruktur, was die Versorgung der Städte mit Trinkwasser und die Entsorgung von Kot und Müll anging: die alte römische Infrastruktur! In römischer Zeit waren schließlich am gesamten Kontinent Aquädukte errichtet worden, die hie und da sogar noch heute in der Gegend herumstehen. Im frühen Mittelalter waren diese dementsprechend auch schon da und in vielen Fällen noch voll funktionsfähig. Die Stadtbewohner nutzten sie also und so gab es zumindest gewisse Stellen im Dorf oder der Stadt, an denen frisches Trinkwasser zu bekommen war. Und natürlich auch Badewasser.

Auch das Badehaus hat es durchaus aus römischer Zeit in das europäische Mittelalter geschafft. Die Römer sind für ihre Kultur des Badens nicht umsonst noch heute bekannt (auch wenn sich diese Kultur nicht immer nur um das Reinigen des Körpers, sondern auch gern um Sex und Unterhaltung drehte). Ihre Badehäuser fanden im Mittelalter nach wie vor Verwendung und es wurden auch allerorts neue Badehäuser gebaut. Somit war es im Alltag eines durchschnittlichen Stadtbürgers nicht unüblich, einmal wöchentlich das Bad aufzusuchen und sich zu waschen. Dasselbe galt auch für die Kleidung. Schon klar: Den ganz armen Ständen, insbesondere am Land, blieb dieser Luxus verwehrt. Von einer allgemeinen Dreckkruste im Gesicht kann man im Mittelalter trotzdem nicht sprechen. Die Badehäuser waren übrigens auch aus dem Blickwinkel der Medizin wichtig. In ihnen wurden auch Zähne gezogen, Schröpfköpfe aufgesetzt, Aderlässe durchgeführt oder auch ganz einfach die Haare geschnitten. Ok ... das Wort Medizin war vielleicht ein bisschen übertrieben und nichts davon hat die Lebenserwartung der Menschen im Mittelalter sonderlich erhöht. Aber immerhin.

Zu guter Letzt: Auch was die Entsorgung von Ausscheidungen angeht, war im Mittelalter nicht alles so schlimm, wie man oft annehmen würde. Es war den Leuten doch durchaus klar, dass der direkte Kontakt zu den Ausscheidungen gesundheitliche Folgen haben konnte, und so gab es in jedem größeren Ort Latrinen. Das waren zentrale Stellen, an denen eine Jauchegrube ausgehoben und darüber "Toiletten" errichtet wurden. Toiletten sollte man hier in Anführungszeichen stellen, weil es eher nur ein paar Holzstäbe waren, über die man sich hocken konnte. Aber auch das ist doch deutlich besser als nichts! Die reicheren Bürger hatten ohnehin eigene Gruben hinter ihren Häusern. Dass die manchmal ins Trinkwasser tropften und zu Seuchen führten, stimmt zwar auch ... aber gut: Wir wollen mal nicht zu hohe Standards ansetzen.

Die Neuzeit ist mal wieder schuld

Die Leute haben sich im Mittelalter also durchaus gewaschen. Sie suchten in vielen Fällen wöchentlich das Badehaus auf, wuschen ihre Kleidung und verrichteten ihre Notdurft in Latrinen. Woher also der Ruf des verdreckten Mittelalters? Oder anders gefragt: Änderte sich die Lage irgendwann doch zum Schlechteren? Tatsächlich tat sie das. Das Leben im Mittelalter veränderte sich für seine Menschen nämlich für immer, als im 14. Jahrhundert die Pest über die Welt zog. Auch dieses Mal, wie bei anderen Seuchen der Geschichte, wusste niemand, wie die Krankheit genau übertragen wurde. Aber man erkannte schon, dass sie offensichtlich von Mensch zu Mensch wanderte. Denn ich wiederhole es nochmal: Die Leute waren ja nicht dumm! Das Resultat? Sie mieden das Badehaus und andere große Menschenansammlungen bestmöglich. Vielleicht hätte dieses "Social Distancing" des 14. Jahrhunderts sogar ein wenig geholfen, wären die Leute nicht in die Kirche gegangen, in der Hoffnung dort Schutz vor der Krankheit zu erfahren. Ein Gebet hilft gegen die Pest aber leider ungefähr so gut wie eine Packung Globuli. Insbesondere wenn man mit Hunderten Kranken vor dem Altar sitzt.

Damit stehen wir dann aber auch schon ganz am Ende des Mittelalters! Nach der Pestepidemie war diese Ära so gut wie vorbei. Es mag Haarspalterei sein, aber das Mittelalter endet je nach Definition eben irgendwann Mitte des 15. oder Anfang des 16. Jahrhunderts. Und auch wenn die persönliche Sauberkeit nach der Pest mit Sicherheit abgenommen hatte, waren es die Herren der nun folgenden Neuzeit, die die allgemeine Reinlichkeit bis ins 18. Jahrhundert hinein auf ein neues Tief trieben. Diese modernen (oder eher modernden) Herrschaften erklärten es erst zum Trend, sich möglichst wenig zu waschen. Diese Herren waren es auch, die den eigenen Gestank in den Gängen Versailles durch literweise Parfum, kiloweise Puder und zentnerweise Ignoranz ertränkten und Stolz daraus zogen, nur einmal im Monat oder gar einmal im Jahr ein Bad zu nehmen. 

Ein paar Jahrhunderte zuvor hätte man die Herrschaften mit Ekel betrachtet. Aber die Geschichte wurde eben nicht von den Menschen des Mittelalters geschrieben. Sie wurde von genau diesen Stinkebatzen danach geschrieben, die sich in ihren Schriften ausgiebig über die Zeit vor ihnen und insbesondere das heute so genannte Hochmittelalter ausließen. Das Resultat ist der bis heute wirkmächtige Mythos vom finsteren Mittelalter. Alles war schlecht, alle waren dumm und dreckig ... das waren sie sowieso.


Das Thema Sauberkeit und besonders das Händewaschen sind auch in der heutigen Corona-Zeit wieder wichtig. Aus diesem Grund bin ich im Podcast diese Woche nochmal ganz tief eingetaucht und schaue mir die Geschichte der Hygiene nicht nur im Mittelalter, sondern von der Antike bis heute an. Hör rein!

Regelmäßig eine Dosis Geschichte gefällig?

Dann hol dir deine persönliche Ladung Geschichte alle zwei Wochen ins E-Mail Postfach! Blogartikel und Podcast-Episoden zu allen Epochen, immer mit Gegenwartsbezug und Augenzwinkern. Als Dankeschön gibt es außerdem zwei exklusive eBooks und ein Hörbuch direkt zum Download!

Noch keine Kommentare vorhanden.

Was denkst du?

Hol dir deine Dosis Geschichte!

Podcast abonnierenAlle Podcast-EpisodenAlle Blogartikel

Déjà-vu unterstützen

Ich freue mich über jede Unterstützung! Hier findest du alle Möglichkeiten dafür